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Sonntag, 12. Jun 2005

“Was treiben die eigentlich…”

Abgelegt unter: FdoG — Gesellschaftsfreunde @ 16:29

Auf unserem ersten Treffen wurde praktisch bewiesen, daß Vernunft und Liberalismus weder kalt noch langweilig sein müssen. Es war allerdings nicht nur ein gemütliches Kuscheltreffen, sondern es wurde durchaus ernsthaft und bisweilen kontrovers diskutiert. Dabei hat sich herauskristallisiert, welche Themen bei unseren weiteren Gesprächen wohl Priorität haben werden:

1.) Die Auseinandersetzung mit und die Kritik an der Linken wird für uns weiterhin von großer Bedeutung sein, denn linke Ideen sind in Westeuropa und insbesondere in unserem Umfeld (akademischer Mittelstand) intellektuell und emotional prägend: Es gibt einen völlig selbstverständlichen und kaum hinterfragten Alltags-Antikapitalismus, Alltags-Feminismus und Alltags-Antiamerikanismus, die von ihren Trägern oft nicht einmal als solche erkannt werden. Diese linken Denkmuster werden heute automatisch als die moralischen empfunden, und deren Kritiker geraten somit in die moralische Defensive. (Wer etwa für den Sturz des Baath-Regimes argumentierte, mußte sich zunächst einmal der Vorwürfe, man sei Kriegstreiber oder Rassist, erwehren. Die Festung der moralischen Unerschütterlichkeit zu stürmen, hätte eigentlich nur Exilirakern gelingen können – wären diese nicht einfach ignoriert worden.) Es wäre indessen zu zeigen, daß viele linke Parolen von Liberalen mit größerem Recht gerufen werden können: Hoch die Internationale Solidarität oder Nie wieder Auschwitz.
Die meisten von uns waren früher eher mehr als weniger stark von linken Ideen beeinflußt, daher kennen wir uns damit einfach besser aus als mit konservativen Spielarten des Antiliberalismus, die sicher ebenso zu kritisieren wären. Insbesondere die klügeren linken Theorien (z.B. die Kritische Theorie) können am besten von jenen kritisiert werden, die sie selber jahrelang gepaukt haben. Immer-schon-Liberale sind uns natürlich erst recht willkommen, nicht nur, weil wir glauben, noch viel von ihnen lernen zu können.

2.) Daran anknüpfen würde unsere Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Stalinismus. Es ist darauf zu bestehen, daß der Antifaschismus bei der Linken in schlechten Händen ist; ein wirklicher Antifaschismus muß liberal sein, da der NS eben nicht die höchste Ausformung der kapitalistischen westlichen Demokratie war, sondern deren radikale Negation. Und nur ein liberaler Antifaschismus verzichtet auf die Geringschätzung der Millionen Opfer des Gulag. Auf der Singularität von Auschwitz ist zu bestehen – wo die Rede von der Singularität jedoch dazu mißbraucht wird, den Stalinismus zu verharmlosen, sollte allerdings ein grundsätzlicher Antitotalitarismus in Stellung gebracht werden. Wie ein solcher durchzuhalten ist, ohne die Besonderheiten des NS zu nivellieren, bleibt auch in Zukunft eines unserer Gesprächsthemen.

3.) Nach dem Ende von NS und Ostblock stand nicht einfach der Sieg der westlichen Demokratie auf der historischen Tagesordnung. Gefahr für die westlichen Gesellschaften geht heute vor allem vom militanten Islamismus aus. Mit diesem wäre leichter fertigzuwerden, hätte er nicht so viele Apologeten und Schönredner im Westen selbst. Unsere diesbezügliche Positionierung schließt ganz selbstverständlich die Solidarität mit Israel ein, so wie ja die Abwehr jeglichen Antisemitismus’ zu unserem Grundkonsens gehört.

4.) Armut und wirtschaftliche Entwicklung: Auch wenn wir nicht viel wert darauf legen, revolutionär, radikal oder rebellisch zu sein, würde es uns doch großen Spaß machen, den Kapitalismus einmal als die größte und erfolgreichste Umwälzung elender Verhältnisse in der Geschichte unserer sonst so trägen Gattung darzustellen. Befinden wir uns nicht seit 250 Jahren in einer gigantischen, permanenten Weltrevolution? Eine Revolution, die wie nichts vorher immer mehr Menschen Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand ermöglicht hat?

5.) Was macht eigentlich eine liberale Gesellschaft aus? Was ist wichtiger: allgemeines Wahlrecht oder rule of law, Demokratie oder constitution? Wie ist das Verhältnis von Liberalismus und Demokratie gedanklich zu fassen, da beide offenbar nicht identisch sind. Es gibt, wie Fareed Zakaria schreibt (Dank an J.L. für den Hinweis) „illiberale Demokratien“ (laut Zakaria sind sogar die meisten der in den letzten Jahren demokratisch gewordenen Länder Demokratien solchen Typs) ebenso wie „liberale Autokratien“ (Zakaria faßt darunter etwa die meisten westeuropäischen Gesellschaften vom späten 18. Jahrhundert bis zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts).
Es wurde Interesse bekundet, gemeinsam einige Klassiker des Liberalismus zu lesen. In der Auseinandersetzung mit liberalen Autoren könnte die Frage behandelt werden, ob und inwiefern Liberalismus mehr oder anderes ist als Anti-Antiliberalismus.

6.) Die vielleicht kontroverseste Frage: Wie eng ist der Zusammenhang von ökonomischem und politischem Liberalismus? Sind beide ein und dasselbe, oder handelt es sich um zwei verschiedene Dinge? Sind politischer und kultureller Liberalismus ohne Wirtschaftsliberalismus möglich? Zeitigt wirtschaftlicher Liberalismus nicht bisweilen auch negative Folgen, die im Namen der Freiheit allenfalls hinzunehmen, nicht aber auch noch gutzuheißen wären? Haben linke Arbeitskritiker mit ihrem Protest gegen die Lohnarbeit ganz und gar unrecht, oder übertreiben sie nur maßlos tatsächlich vorhandene Probleme: Bringt nicht auch die Lohnarbeit Unfreiheiten mit sich, die über die unhintergehbare Notwendigkeit der materiellen Reproduktion der Gesellschaft hinausgehen und die einen Freund der Freiheit zornig machen müßten? Wir können uns vorstellen, daß wir uns bei diesen Fragen die Köpfe ganz schön heiß reden werden.

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