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Klassiker: Arbeitslos! (Rosa Luxemburg - 1913)

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Das zur Rüste gehende Jahr, mit dem für die deutsche Arbeiterklasse eine Periode furchtbarer Arbeitslosigkeit begonnen hat, ist auch in der Leidens- und Kampfgeschichte des europäischen Proletariats ein Jubiläumsjahr. Genau vor einem halben Jahrhundert, im Jahre 1863, erreichte in England jene berühmte Krise, genannt Baumwollhunger, ihren Höhepunkt. Eine Viertelmillion Männer und Frauen völlig arbeitslos, mehr als anderthalb hunderttausend nur ein paar Tage in der Woche um Bettelpfennige beschäftigt, eine halbe Million Menschen auf öffentliche Unterstützung angewiesen - im grellen Schein dieses Massenelends sollte sich zum ersten Mal in klassischer Weise zeigen, was die bestehende Gesellschaft für die hungernden Opfer ihres Systems allenfalls zu tun bereit ist und was ihr entscheidender Gesichtspunkt bei all dem Elend ist. War es doch damals, als sich die Lancershirer Proletarier, des müßigen Hungerns satt, zu einer Massenauswanderung nach Australien anschickten, daß jenes Manifest der Fabrikanten erschienen war, worin die Vertreter des Geldsacks erklärten: unter keinen Umständen könnten die Unternehmer dulden, daß ein Teil ihrer „Maschinerie” - nämlich die lebendigen Arbeitskräfte - das Land verließe. Brauche man sie doch „in ein, zwei, drei Jahren” wieder, wenn der Geschäftsgang von neuem flott würde. „Ein, zwei, drei Jahre” des Massenhungers: das ist das periodische Schicksal der „lebendigen Maschinerie” unter der Herrschaft des Kapitalismus, ein Schicksal, das dem Kapital als ein ebenso unverbrüchliches Naturgesetz erscheint und es auch in der Tat ist, wie daß das Kapital allein nach seinen Profitrücksichten mit Millionen proletarischer Existenzen Fangball spielt, sie bald in das Fegefeuer der rastlosen Überarbeit, bald in die Hölle der völligen Arbeitslosigkeit schleudert. Daß gegen die Arbeitslosigkeit als periodische Massenerscheinung kein Kräutlein hienieden gewachsen ist, solange menschliche Arbeitskräfte als „lebendige Maschinerie” Privatbesitz des Kapitals bleiben, dies mit zynischer Offenherzigkeit schon vor einem halben Jahrhundert ausgesprochen zu haben ist das Verdienst der Lancershirer Baumwollmagnaten.
 
Aber sie taten noch mehr für die dauernde Aufklärung der Arbeiterklasse. Sie sträubten sich mit Händen und Füßen gegen jede staatliche Aktion größeren Stils auch nur zur Linderung der Not der Hunderttausende und bestanden darauf, daß die Arbeitslosen statt durch großzügige Maßnahmen unterstützt höchstens durch drückende Almosen mißhandelt wurden. Damit war vor 50 Jahren das Programm geschaffen, nach dem seither das Problem der Arbeitslosigkeit von den kapitalistischen Staaten praktisch behandelt wird.
 
Heute stehen wir wieder einmal am Anfang einer jener periodischen Krisen, die mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks die Gesellschaft heimsuchen. Erst vor 15 Jahren ward uns verkündet, der Marxsche 10jährige Krisenzyklus sei ein überwundener Standpunkt aus den Flegeljahren des Kapitalismus, die wirtschaftlichen Katastrophen würden immer milder und gehörten bald ins Reich der Ammenmärchen. Auf diese Prophezeiung, welche Antwort Schlag auf Schlag! In den Jahren 1900-1902 die erste Krisentaufe des neuen Jahrhunderts, 1907-1909 nach knapp 5 Jahren die zweite Weltkrise, und nun, nach Verlauf von kaum 4 Jahren, sind wir mitten in der ersten Sturzwelle einer dritten Krise.
 
Die Wirklichkeit hat aber alle Schwarzmalerei Marxens auch noch in anderer Beziehung übertroffen. Im vorigen Jahrhundert pflegte Krise mit Prosperität zu wechseln, nicht bloß für die Kapitalisten, sondern auch für die Arbeiter. Hohe Löhne während der guten Geschäftszeit, niedrige Lebensmittelpreise während der Krise waren die beiden Milderungsmomente des schroffen Wechsels für die proletarische Masse. In seinem Hauptwerk bezeichnet Marx noch die allgemein hohen Löhne als die regelmäßigen „Sturmvögel der Krise”. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts bleiben die „Sturmvögel” aus, und das Unheil der Krise bricht über die Massen herein, ohne daß sie während der Prosperitätsperiode in der Lage gewesen wären, sich auch nur auf die Staffel eines minimalen Wohlstandes zu schwingen. Umgekehrt wird die andauernde Teuerung, die den materiellen Aufschwung der Arbeiterschaft während guter Geschäftslage herabdrückt, zur besonderen Geißel, die den Notstand der Arbeitslosigkeit bis zum bitteren Massenelend steigert. Heute fangen die Kapitalisten aus jeder Aufschwungsperiode der Industrie immer enormere Goldströme auf, während die Arbeiter nur zwischen chronischem Hungern bei Überarbeit und akutem Hunger bei Arbeitslosigkeit pendeln. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wird damit aufs höchste gesteigert, das Joch des Kapitals wird unerträglich. Entmutigung, Verzweiflung, endlich Verzicht auf Selbstachtung und Würde, wie sie in dem Anschwellen der Gelben-Bewegung genau zum Ausdruck kommt, bemächtigen sich heute weiterer Kreise der Arbeiterschaft.
 
Gegen diese herabdrückende Tendenz haben wir nur ein wirksames Mittel: die sozialistische Revolutionierung der Geister. Mit revolutionären Idealen kann man freilich keinen Hungernden satt machen. Wir wären aber Scharlatane, nicht wert des Vertrauens der Massen, wollten wir die Hungrigen in die leiseste Hoffnung lullen, als hätten wir ein Wundermittel in der Tasche gegen den chronischen wie gegen den akuten Massenhunger in der gegenwärtigen Periode der kapitalistischen Entwicklung. Wir wären ebenso plumpe wie grausame Kurpfuscher, wollten wir den hungernden Proletariern im Ernst einreden, daß alle unsere Projekte und Forderungen zur Linderung der Not der Arbeitslosen bei den herrschenden Klassen des imperialistischen Taumels schließlich etwas anderes als höhnisches Achselzucken zur Antwort finden werden. Am unverzeihlichsten wäre dies, ein halbes Jahrhundert nachdem in Lancershire klipp und klar erklärt worden ist, den Opfern der kapitalistischen Krise sei von Gott und Natur nur eines vorbehalten: „ein, zwei, drei Jahre” hungernd zu warten, bis das Kapital seiner „lebendigen Maschinerie” wieder be-dürfe.
 
Mit revolutionären Idealen kann man keinen Hungrigen sättigen, aber man kann ihm Glauben an die Zukunft und damit Mut und Selbstachtung geben, man kann in ihm geistige Energie wecken, die ihm innere Überlegenheit geben und ihn gegen die stärksten physischen Leiden unempfindlich machen. Der hungernde Proletarier ist je nachdem des tiefsten geistigen Falles oder auch des höchsten revolutionären Heldentums fähig. In der Februarrevolution 1848 nahm das Pariser Proletariat, das furchtbar unter der Arbeitslosigkeit litt, freiwillig drei Monate Hunger auf sich, um der provisorischen Regierung zur Einführung der „sozialen Republik” eine Frist zu gewähren. Es war der felsenfeste Glaube an ihr sozialistisches Ideal, das die Pariser Massen lehrte, mit Mut, Geduld und Würde monatelang zu darben und schließlich für dieses Ideal auf den Barrikaden zu kämpfen und zu sterben. In der englischen Baumwollkrise verschmähten die Hunderttausende Hungernder mit Stolz, in Arbeitshäusern die Zwangsarbeit zu verrichten: Sie forderten, daß man ihnen für die Zeit der Krise Schulen und Bibliotheken öffne, damit sie ihre erzwungene Muße zur Bildung ihres Geistes ausnutzten. Sie stellten ihre Bedingungen und setzten sie durch Drohung und Gewalt durch; nicht für einen Moment gaben sie die eigene Klassenwürde preis. Es war der geistige Aufschwung, die Kampfenergie, die am Vorabend der Gründung der Internationale durch die englische Arbeiterklasse zog, was sie dazu stählte, um die äußerste Not mit Mut und Trotz zu ertragen. Und in der russischen Revolution verrichtete der Massenidealismus Wunder der Opferfreudigkeit und des Kampfmuts, die allein das Proletariat durch den Ozean von Leiden der Arbeitslosigkeit, des Hungers und der Verfolgungen vor, während und nach der Revolution hindurchzuführen imstande waren.
 
Auch in Deutschland kann jetzt den verheerenden Wirkungen der Arbeitslosigkeit am letzten Ende nur durch die Entfaltung einer Massenagitation begegnet werden, die an das Beste im modernen Proletarier appelliert: an seinen unerschöpflichen revolutionären Idealismus, die in ihm das Stärkste wachrüttelt: den Willen zur Tat und den Glauben an seine eigene Macht. Die Entmutigung der Massen und die Schlammflut der Gelben-Bewegung, diese Selbstpreisgabe des Proletariats, werden nur weichen vor einer feurigen Flut der sozialistischen Agitation, die den darbenden Proletarier über ihn selbst zu erheben vermag, indem sie ihm seine revolutionären Aufgaben in greifbare Nähe rückt, indem sie den Massen klarmacht, daß sie die größten persönlichen Opfer des Kampfes freudig und unbesorgt in Kauf nehmen müssen, um durch kühne Aktionen den Zusammenbruch eines Systems zu beschleunigen, das ihnen um des kapitalistischen Profits willen periodisch die entsetzlichsten Entbehrungen aufzwingt.
 
Rosa Luxemburg
 
Sozialdemokratische Korrespondenz (Berlin),
Nr. l vom 27. Dezember 1913 (Probenummer).
 
Gesammelte Werke, Band 3, S. 363 ff., Dietz Verlag Berlin 1973

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